Morgensonne oder Abendsonne — was sollte man wählen?
Morgensonne gibt ein kühles Haus und früh Licht, Abendsonne gibt Sonne zu der Zeit, zu der die meisten zu Hause sind — kostet aber den wärmsten Nachmittag im Haus.
Kurz gesagt: Wählen Sie Abendsonne (West), wenn die Wohnung tagsüber leer steht und Sie die Terrasse nach der Arbeit nutzen möchten — dafür wird der Nachmittag zur wärmsten Zeit im Haus. Wählen Sie Morgensonne (Ost), wenn Sie vormittags zu Hause sind, in der Wärme schlecht schlafen oder ein kühles Schlafzimmer im Sommer möchten. Im DACH-Raum ist Morgensonne im Winter praktisch abwesend: Der Tag dauert an vielen Orten unter acht Stunden und liegt symmetrisch um den Sonnenmittag, sodass die Sonne erst gegen acht Uhr aufgeht.
Morgensonne und Abendsonne sind keine Spiegelbilder
Man könnte meinen, Morgensonne und Abendsonne seien dieselbe Sonne, nur von jeder Seite des Hauses aus gesehen. Geometrisch sind sie fast symmetrisch — die Sonne steht bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang gleich niedrig. Aber sie fühlen sich völlig unterschiedlich an, weil Haus und Luft über den Tag hinweg nicht symmetrisch sind.
Am Morgen sind Gebäude und Luft die ganze Nacht abgekühlt. Die Morgensonne trifft ein kaltes Haus, und selbst kräftige Ostsonne hebt die Temperatur deshalb selten auf etwas Unangenehmes. Am Abend trifft dieselbe Menge Sonne ein Haus, das den ganzen Tag Wärme aufgenommen hat. Die Westsonne legt sich obendrauf auf die angesammelte Wärme — und genau das macht westorientierte Räume im Sommer zu den wärmsten im Haus.
Das ist der wichtigste Unterschied: Morgensonne ist kostenloses Licht, Abendsonne kostet Wärme.
Was Morgensonne gibt
- Licht früh am Tag in Küche, beim Frühstückstisch und im Schlafzimmer — zu der Zeit, in der viele tatsächlich zu Hause sind.
- Einen kühlen Nachmittag und Abend. Ein ostorientiertes Schlafzimmer lässt sich im Juli deutlich leichter durchschlafen als ein westorientiertes.
- Weicheres Licht. Die Sonne steht niedrig, und die Luft ist morgens oft klarer, was ein warmes, kontrastreiches Licht ohne die harte Mittagsblendung ergibt.
- Morgensonne im Sommer kommt aus Nordost, nicht Ost. Zur Sommersonnenwende geht die Sonne bei etwa Azimut 45° auf, je nach Breitengrad im DACH-Raum leicht abweichend, je weiter nördlich desto nördlicher. Ein Fenster nach Nordost, das den ganzen Winter dunkel bleibt, bekommt deshalb im Juni früh direkte Sonne.
Was Abendsonne gibt
- Sonne zu der Zeit, zu der Berufstätige zu Hause sind. Das ist der eigentliche Grund, warum westorientierte Terrassen so begehrt sind.
- Lange helle Abende im Sommer. Die Taglänge zur Sommersonnenwende lässt sich aus cos(Stundenwinkel) = −tan(Breitengrad) × tan(Deklination) berechnen. Bei 50° nördlicher Breite (etwa Frankfurt oder Prag) ergibt tan(50°) = 1,192 und tan(23,4°) = 0,433 einen Tag von gut 16 Stunden. Setzen Sie Ihren eigenen Breitengrad ein, dann gilt die Rechnung, egal wo Sie wohnen: weiter nördlich wird der Abend länger, weiter südlich kürzer.
- Sonne im Garten nach dem Abendessen — und die Sonne geht zur Sommersonnenwende ungefähr im Nordwesten unter, nicht genau im Westen, sodass die Abendsonne auch die Nordseite des Gartens streift.
- Der Preis: Tiefstehende Sonne scheint tief in den Raum, ein Dachüberstand hilft nicht gegen tiefe Sonne, und das Haus ist bereits warm. West ist die Himmelsrichtung, die am häufigsten außenliegenden Sonnenschutz erfordert.
Der Winter entscheidet oft die Wahl
Im Sommer bekommen sowohl Ost als auch West reichlich Sonne. Es ist der Winter, der trennt.
Zur Wintersonnenwende dauert der Tag bei 50° nördlicher Breite knapp acht Stunden — dieselbe Rechnung mit negativer Deklination: cos(Stundenwinkel) = −tan(50°) × tan(−23,4°) = 0,516 ergibt einen Stundenwinkel von 59,0° und damit 2 × 59,0 ÷ 15 = 7,9 Stunden geometrischer Tag. Weiter nördlich, etwa in Hamburg bei rund 53-54°N, sind es dagegen nur gut sieben Stunden. Der Tag liegt symmetrisch um den Sonnenmittag, der zur Normalzeit ungefähr um 12 Uhr liegt.
Das bedeutet zweierlei für die Wahl:
- Morgensonne gibt es im Winter kaum. Wenn die Sonne erst spät aufgeht — im Südosten, nicht im Osten — sind die meisten bereits auf dem Weg aus der Tür. Eine ostorientierte Küche, die von April bis September herrlich ist, bleibt den ganzen Winter dunkel.
- Abendsonne gibt es im Winter auch nicht. Die Sonne geht mitten am Nachmittag unter, im Südwesten. Ein westorientiertes Wohnzimmer bekommt etwas Licht spät am Vormittag und zu Mittag, aber überhaupt keine Abendsonne von November bis Februar.
Die Schlussfolgerung ist unbequem, aber ehrlich: im Winterhalbjahr entscheidet nicht Ost gegen West über das Licht — es entscheidet, ob überhaupt Fenster nach Süden vorhanden sind. Auf der Nordhalbkugel ist Süden die einzige Himmelsrichtung, die im Dezember direkte Sonne liefert. Wählen Sie deshalb Ost oder West anhand der Sommer- und Frühlingsnutzung, und sorgen Sie dafür, dass mindestens ein Aufenthaltsraum Glas nach Süden hat.
Raum für Raum: Was typisch funktioniert
- Schlafzimmer: Ost, wenn Sie gern zu Licht aufwachen und kühl schlafen möchten. Nord oder Nordost, wenn Sie gern lange schlafen — aber bedenken Sie, dass ein Nordostfenster im Juni früh direkte Sonne bekommt.
- Küche und Frühstückstisch: Ost oder Südost. Wird hauptsächlich morgens genutzt und wird nicht unangenehm warm.
- Wohnzimmer und Hauptaufenthaltsraum: Süden, wenn möglich, gern mit einem zusätzlichen Fenster nach Westen. Süden gibt die meisten Stunden und die einzige Wintersonne.
- Terrasse und Außenbereich: West oder Südwest, wenn Sie abends draußen essen. Süden, wenn Sie ihn mitten am Tag und in den Übergangsjahreszeiten nutzen — eine Südterrasse ist im Frühjahr früher nutzbar.
- Homeoffice mit Bildschirm: Nord. Keine direkte Sonne bedeutet keine Blendung und ein Licht, das den ganzen Tag gleich bleibt.
- Hauswirtschaftsraum, Abstellraum, Bad: Geben Sie ihnen die Nordseite, und nutzen Sie die guten Himmelsrichtungen für die Räume, in denen Sie sich aufhalten.
So entscheiden Sie es für eine konkrete Wohnung
- Finden Sie die Nordausrichtung des Hauses als Gradzahl — über den Nordpfeil auf dem Grundriss, über eine Karte mit Norden oben, oder mit dem Kompass des Telefons an einer Außenwand.
- Notieren Sie für jeden Aufenthaltsraum, in welche Richtung die Fenster zeigen und wie viele Quadratmeter Glas in jede Richtung vorhanden sind. Die Fläche zählt mehr als die Anzahl der Fenster.
- Achten Sie darauf, was in genau dieser Richtung Schatten wirft. Ein Verschattungswinkel wird als arctan(Höhe ÷ Abstand) berechnet. Ein 6 Meter hoher Nachbargiebel 12 Meter westlich ergibt arctan(0,5) = 26,6°. Steht die Sonne niedriger als das, wenn sie in dieser Richtung steht, kommt keine direkte Sonne herein. Mitten im Sommer steht die Sonne noch ein paar Grad über diesem Winkel, wenn sie genau im Westen steht, sodass ein Streifen Abendsonne vorbeikommt — aber in den Frühlings- und Herbstmonaten steht sie niedriger, und der Giebel nimmt die Abendsonne ganz weg.
- Halten Sie das gegen Ihren Tagesrhythmus. Wann sind Sie zu Hause, und in welchem Raum halten Sie sich dann auf?
Haben Sie den Grundriss der Wohnung maßstabsgetreu und richtig auf der Karte platziert, lässt sich die ganze Übung für alle Räume auf einmal machen, statt von Raum zu Raum zu raten. In HouseSense wird der Sonneneinfall im 3D-Modell aus der Position der Adresse, der Nordausrichtung des Hauses und einem selbst gewählten Datum und einer Uhrzeit berechnet — sodass Sie die Uhr am selben Datum auf 7 Uhr morgens und auf 19 Uhr abends stellen und sehen können, welches der beiden Lichter in genau diesem Haus es wert ist, bezahlt zu werden.